Agenda statt Analyse
Wenn die Bürgerumfrage plötzlich klingt wie ein Wahlflyer - ein Blick hinter zwei sehr spezielle Fragen.
Alle drei Jahre führt die Stadt Fürth eine repräsentative Bürgerumfrage durch. Am 27. Oktober 2025 wurden die aktuellen Ergebnisse dieser Befragung veröffentlicht.

Offiziell wird sie als repräsentatives Meinungsbild präsentiert, aber tatsächlich zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass sie nicht nur Stimmungsbilder erhebt, sondern auch gezielt kommunale Botschaften transportiert und abfragt. Subtil verpackt in scheinbar neutrale Fragen. Genau diese Fragen hab ich mir mal angeschaut.
Zufall oder Chiffre?
Zum Beispiel Frage 12 (S. 24) ist keine neutrale Wissensfrage, sondern eine Suggestivfrage mit impliziter Botschaft:
Wussten Sie, dass die Stadt Fürth seit 12 Jahren kontinuierlich Schulden abbaut?
Sie vermittelt eine positive Information über die Stadt („kontinuierlicher Schuldenabbau seit 12 Jahren“) und fragt gleichzeitig nach dem Wissen darüber. Das ist methodisch problematisch, weil:
sie nicht Wissen erhebt, sondern ein positives Image transportiert,
und Framing-Effekte auftreten: Befragte werden durch die Formulierung in eine positive Wahrnehmung der Stadtpolitik gelenkt.
Nach gängigen wissenschaftlichen Standards sollten Fragen keine Tatsachenbehauptungen enthalten, die das Antwortverhalten beeinflussen können. Die Frage misst also nicht nur Wissen, sondern vermittelt ein bestimmtes Bild: Fürth wirtschaftet solide, verantwortungsvoll und erfolgreich. Durch das Statement wird die Aufmerksamkeit auf den genannten Sachverhalt („Schuldenabbau“) gelenkt und die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Befragte zustimmend reagieren oder sich verpflichtet fühlen, die Information als bekannt zu bestätigen, besonders im Zusammenhang mit dem langen Zeitraum („12 Jahren”).
Ich denke es kann kein Zufall sein, dass sich diese Frage nahtlos in die Kommunikation des Oberbürgermeisters oder der SPD in Fürth allgemein einfügt (siehe Flyer oben). Diese betont den kontinuierlichen Schuldenabbau regelmäßig als Kern seiner bzw. ihrer Wirtschaftspolitik. Indem diese Aussage in einer repräsentativen Bürgerumfrage abgefragt wird, erhält sie eine pseudowissenschaftliche Legitimation, so, als sei das Vertrauen in diese Politik empirisch bestätigt, obwohl die Frage selbst dieses Vertrauen herstellt. Denn das Framing erzeugt eine Verzerrung in Richtung „gute Nachricht“, was die Vergleichbarkeit mit echten Wissensfragen, die neutral formuliert sind, einschränkt und die Interpretation der Ergebnisse erschwert.
Politische Absicherung per Fragebogen?
Ein ähnlicher Mechanismus zeigt sich auch in Frage 14 (S. 28) :
Mit der INFÜ informiert die Stadt Fürth alle 14 Tage kostenlos 69.000 Haushalte. Nutzen Sie die INFÜ, um sich über aktuelle Ereignisse in Fürth zu informieren?
Zuerst wird erneut eine positive Tatsachenbehauptungen getätigt (“kostenlose Information alle 14 Tage”) und somit ein bestimmtes Bild der Stadtverwaltung uns Sache vermittelt. Außerdem wird ausschließlich die Präsenz oder Bekanntheit der INFÜ abgefragt, nicht die tatsächliche Relevanz für die Informationsbildung der Fürther Bürgerinnen und Bürger. Was, denke ich, der eigentliche Sinn hinter dieser Frage sein sollte. Besonders problematisch ist die Frage, wenn man sie sich in Kombination mit der nächsten Frage (Frage 15, S. 29) ansieht:
Welche weiteren städtischen Online-Informationsplattformen nutzen Sie, um sich über aktuelle Ereignisse in Fürth zu informieren?
Das zeigt, dass die gedruckte INFÜ in der Umfrage bewusst aus dem Wettbewerb genommen wurde, indem digitale Kanäle separat und detaillierter abgefragt werden, während die INFÜ nur mit einer einfachen Ja/Nein‑Antwort abgehandelt wird. Das schwächt die Vergleichbarkeit und macht die Erhebung für jede belastbare Abwägung zwischen Print und Digital unbrauchbar.
Auch hier glaube ich, dass das kein Zufall ist, denn diese Frage ist politisch hoch interessant:
In den Haushaltsberatungen 2025 am 09. Dezember 2024 hatten Grüne, Freie Wähler und FDP vorgeschlagen, die INFÜ zu digitalisieren und die gedruckte Verteilung aus Umwelt- und Kostengründen zu reduzieren. Die SPD lehnte das ab.
Warum die SPD das ablehnt und warum eine Digitalisierung eigentlich extrem viel Sinn macht habe ich hier schon mal en Detail aufgeschrieben ⬇️
Vor diesem Hintergrund wirkt die Aufnahme der INFÜ in die Bürgerbefragung, vor allem die Art und im Zusammenhang mit der nachfolgenden Frage, alles andere als unabsichtlich. Sie kann als Versuch verstanden werden, die eigene Kommunikation politisch abzusichern. Insbesondere, wenn in der Rede zum Haushalt 2025 vom SPD-Fraktionsvorsitzenden Maurice Schönleben folgendes gesagt wurde:
“Wir stehen zu unserer Stadtzeitung InFÜ – und zwar in gedruckter Form. Wir halten sie für eine zentrale Informationsquelle für unsere Fürther Bevölkerung. […] Mit uns gibt es keine Streichung der InFÜ!”
- Maurice Schönleben, Haushaltsrede zum Haushalt 2025, 9. Dezember 2024
Damals wurde sie noch für eine zentrale Informationsquelle gehalten und nun taucht diese Frage, die als Bestätigung der genannten These herhalten kann, zufällig in der Bürgerumfrage 2025 auf?
Wenn zwei Drittel der Befragten nämlich nun angeben, die INFÜ zu nutzen, lässt sich dieses Ergebnis leicht als Beleg gegen eine Digitalisierung verwenden, obwohl die Frage alles andere als geeignet dazu ist. Wer ernsthaft über die zukünftige Rolle der gedruckten INFÜ wissenschaftliche Erkenntnisse haben wollen würde, sollte differenziertere Indikatoren einsetzen: Unterschiede in der Häufigkeit der Nutzung und bei verschiedenen Nutzergruppen und allem voran, wie wichtig diese Quelle im Vergleich zu anderen ist. Erst mit solchen Daten lässt sich wirklich sachlich abwägen, ob die gedruckte Verteilung reduziert, beibehalten oder neu gestaltet werden sollte.
Zwischen Forschung und PR
Solche Fragen unterminieren den wissenschaftlichen Anspruch der Befragung. Eine seriöse Bürgerumfrage soll Erkenntnisse liefern, keine Zustimmung erzeugen.
Wenn jedoch das Bürgermeister- und Presseamt (im Übrigen der Herausgeber der INFÜ!) Auftraggeber ist und ein Stadtmarketing-Unternehmen die Fragen formuliert, verschwimmen die Grenzen zwischen empirischer Forschung und Öffentlichkeitsarbeit. Das ist nicht zwangsläufig Manipulation, aber es ist eine kommunikative Steuerung, die den öffentlichen Diskurs beeinflussen kann. Die Bürgerumfrage wird so Teil einer Legitimationsstrategie, die bestimmte Narrative (solide Finanzen, zentrale Informationsquelle) stützt und gleichzeitig politische Kritikpunkte entschärft.
Vielleicht ist es am Ende gar kein böser Wille, sondern ein typischer Reflex: Jede Verwaltung möchte gut dastehen. Doch wenn eine Bürgerumfrage beginnt, politische Erzählungen zu stützen statt sie wissenschaftlich korrekt zu überprüfen, verwandelt sich ein Instrument der Erkenntnis in ein Werkzeug der Legitimation. Und so zeigen die beiden Fragen zum Schuldenabbau und zur INFÜ weniger, was Fürther denken, sondern vielmehr, wie die Stadt wahrgenommen werden möchte.





