Analyse der Podiumsdiskussion zum Thema Verkehr in Fürth
Viel Konsens, wenig Konflikt: Was der Abend über den Kommunalwahlkampf 2026 verrät.
Nachdem ich die Podiumsdiskussion zum Thema „Bezahlbarer Wohnraum“ leider verpasst habe, einfach, weil ich zu spät von ihr erfahren habe, habe ich mir aber die zweite Podiumsdiskussion zur Kommunalwahl angeschaut. Das Thema: Verkehr. Veranstaltet wurde der Abend am Mittwoch, den 28.01.2026 vom VCD, dem Fuß e.V., dem ACE sowie dem ADFC Fürth.
Ohne mich allzu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, hatte die Veranstaltung jedoch von Beginn an eine sehr klare Schlagseite. Es wirkte weniger wie ein offenes Podium für unterschiedliche verkehrspolitische Perspektiven, sondern eher wie eine Veranstaltung von Grünen für Grüne. Das lag unter anderem am Publikum: Von den rund 70 anwesenden Personen waren auffallend viele selbst politisch aktiv. Ich kenne nicht alle Kandidaten aller politischen Parteien zur Kommunalwahl, aber mehr als zehn Prozent der Stadtratsliste der Grünen war anwesend. Umso bemerkenswerter: Kein einziger mir bekannter Listen-Kandidat von SPD oder CSU war vor Ort. Zumindest ist mir keiner aufgefallen. Das kann man als Zufall abtun. Man kann es aber auch als stillschweigende Einschätzung werten, dass man im Publikum dieser Veranstaltung keine relevanten Wählergruppen vermutet und entsprechend auf Präsenz verzichtet.
Diese einseitige Zusammensetzung spiegelte sich auch in den Fragen der Verbände wieder, die den Kandidaten in der ersten Stunde gestellt wurden. Viele davon waren keine offenen Fragen, sondern klassische Suggestivfragen, bei denen die gewünschte Antwort bereits mitschwang. Etwa:
„Wie sehr möchten Sie die Kinder schützen? Welche Einschränkungen für den motorisierten Individualverkehr sind möglich?“
Das zog sich durch so gut wie alle Themenbereiche: Fahrradstraßen, der Radweg von Wachendorf zur Heilstättenstraße („wann wird er endlich gebaut?“) oder Forderungen aus der gemeinsamen Initiative „Schulstraßen jetzt!“, der alle veranstaltenden Vereine angehören.
Der Abend hatte damit eher den Charakter eines Informations- und Abgleichtermin der beteiligten Verbände mit den Kandidaten. Vielleicht sollte er das auch sein. Für das anwesende Publikum und die Verbände mag das zufriedenstellend gewesen sein. Ein wirklicher Erkenntnisgewinn, im Sinne von neuen Positionen, blieb jedoch für mich weitgehend aus.
Viel Einigkeit bei Fahrradstraßen
Bei der Frage nach Fahrradstraßen herrschte auf dem Podium auf ein bemerkenswerter breiter Konsens.
Werden Sie sich für die weitere Einrichtung von Fahrradstraßen einsetzen und das „Radfahren erlaubt" auf Gehwegen weiter einschränken?
Max Ammon positionierte sich überraschend eindeutig pro Fahrradstraßen. In seiner Fraktion gebe es dafür eine große Mehrheit, der Umbau sollte aber nicht so kostenintensiv sein und könne, wichtiges Detail, auch weiterhin Parkplätze für Autos beinhalten. Als Beispiel nannte er die Humboldtstraße in Nürnberg. Diese Klarheit ist für einen CSU-Kandidaten durchaus bemerkenswert. Denn man kann zumindest die Frage aufwerfen, ob der “klassische CSU-Wähler” diese Position in dieser Eindeutigkeit mitträgt. Fahrradstraßen sind politisch längst kein Nischenthema mehr, aber sie gelten in Teilen dieser Wählerschaft weiterhin als Symbol für Verdrängung des Autoverkehrs, unabhängig davon, wie sie konkret ausgestaltet oder das diese meistens aus Fördergeldern finanziert werden.

Der Oberbürgermeister betonte den Ausbau neuer Radwege und Fahrradstraßen und nannte konkret die Ludwigstraße, die Robert-Koch-Straße sowie die Cadolzburger Straße. Diese Aussage hat mich allerdings überrascht. Mir ist keine konkrete Planung bekannt, die Ludwigstraße, oder irgendeine der anderen genannten, als Fahrradstraße auszuweisen. Da weiß der Oberbürgermeister anscheinend schon mehr. Zudem erschließt sich mir Logik, hinter der Ausweisung der Ludwigstraße als Fahrradstraße, nur bedingt: Mit der Dambacher Straße existiert bereits eine Fahrradstraße in unmittelbarer Nähe. Wenn man die Ludwigstraße tatsächlich als wichtige Achse in Richtung Hauptbahnhof und hintere Südstadt etablieren möchte, stellt sich die Frage, warum man nicht konsequent diese Straße priorisiert hat und stattdessen zuerst die, schon vorher eher ruhigere, Dambacher Straße umgesetzt wurde.
Ringbus: Chance für Vororte und eine mögliche Angriffsfläche
Etwas kontroverser als andere Punkte war die Frage nach einer Ringbuslinie, die die Fürther Vororte besser miteinander verbindet und genau hier wurde mal eine klare Trennlinie zwischen den Kandidaten sichtbar. Dr. Thomas Jung machte recht unmissverständlich klar: Ja, es gebe Wünsche dazu, eine Ringbuslinie habe für die SPD aber keine Priorität. Die SPD sieht ihre verkehrspolitischen Schwerpunkte offenbar an anderer Stelle, vor allem innerhalb der bestehenden Linienstruktur. Politisch ist dieser Punkt hochinteressant. Denn faktisch sind CSU, Grüne und auch Die Linke für einen Ringbus. Die Grünen bieten sogar Ende Februar, genau wie beim letzten Wahlkampf 2020, wieder einen kostenloser Ringbus an. Nur die SPD stellt sich hier klar quer oder priorisiert das Thema zumindest nicht.

Genau darin liegt ein enormes Profilierungspotenzial. Wer es ernst meint mit gleichwertiger Mobilität in ganz Fürth, müsste den Ringbus konsequent zum Wahlkampfthema machen, insbesondere außerhalb der Innenstadt. Gerade für die CSU wäre das eine Steilvorlage: Ihre traditionelle Stärke liegt eher in den Vororten als in der Innenstadt. Hier könnte man sehr konkret zeigen, dass man diese Stadtteile nicht nur mitgestalten, sondern gezielt besser anbinden will. Außerdem finde ich, dass man an dieser Stelle gerne mal offensiver werden darf. Wenn die SPD eine Ringbuslinie nicht will oder ihr keine Priorität einräumt, dann kann, und sollte, man das auch klar benennen. Verkehrspolitik ist immer auch Standortpolitik. Wer Vororte besser vernetzt, stärkt ihre Attraktivität. Wer darauf verzichtet, sendet zumindest das Signal, dass sie nicht ganz oben auf der Agenda stehen.
Warum politische Unterschiede kaum sichtbar sind
So klare Unterschiede, wie beim Ringbus blieben aber leider Ausnahmen. Bei der Podiumsdiskussion wurde mehrfach betont, dass in Fürth zwar gestritten werde, aber eben „in der Sache“. Sowohl der Oberbürgermeister als auch Kamran Salimi hoben diesen Punkt ausdrücklich positiv hervor. Das ist im Kern etwas positives, aber wenn man sich hauptsächlich in internen Sitzungen oder Ausschüssen streitet, dann bekommt man als Wähler sehr wenig davon mit. Jedenfalls gilt das für mich. Dadurch entsteht häufig der Eindruck, als herrsche bei vielen Fragen weitgehend Einigkeit. Zwei Beispiele aus der Diskussion haben mir das nochmal vor Augen geführt:
Umgestaltung Hornschuchpromenade
Diese wurde von Max Ammon als positives Beispiel genannt, weil vor dem Wegfall von Parkplätzen zunächst ein Quartiersparkhaus geschaffen wurde. Formal ist das korrekt, denn bevor Parkplätze wegfallen, sollten Alternativen geschaffen werden. Als Alternative wurde das neue Parkhaus aber nie wirklich akzeptiert. Zu teuer, zu große Entfernung und dazu noch Sicherheitsbedenken. Unter anderem deshalb führte das Projekt zu erheblichem Widerstand aus der Anwohnerschaft, auch im Rahmen der Bürgerbeteiligung zur Umgestaltung.

Am Ende mündete der Konflikt sogar in einer Petition an den Bayerischen Landtag. Unabhängig davon, wie man die Maßnahme oder auch das Vorgehen der Anwohner bewertet, zeigt der Verlauf: Es war keineswegs ein konfliktfreies oder breit akzeptiertes Projekt, v.a. im Hinblick auf das Parkraumkonzept. Politisch auffällig ist vor allem, dass alle demokratischen Parteien im Stadtrat den ursprünglichen Vorschlag unterstützt haben - mit Ausnahme der AfD.
Schulstraße an der Grundschule Frauenschule und Hardenberg-Gymnasium
Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Schulstraße an der Grundschule Frauenschule und Hardenberg-Gymnasium. Hier sprach sich sogar das Hardenberg-Gymnasium selbst gegen die Maßnahme aus, insbesondere weil “eine dauerhafte Zufahrt zum Pausenhof benötigt würde” (siehe Vorlage SpA/1267/2025). Der Oberbürgermeister zeigte sich darüber auf der Podiumsdiskussion sichtlich überrascht davon, dass die Schule selbst die Schulstraße ablehnt. Auch hier ist der Wegfall von 21 Parkplätzen ohne Alternative zu kritisieren und wurde es auch, z.B. vom Straßenverkehrsamt. Dieses weist darauf hin, dass der Wegfall angesichts des sehr hohen Parkdrucks als besonders schmerzhaft empfunden und entsprechend kritisch bewertet werde. Am Abstimmungsverhalten änderte das jedoch nichts: Auch hier stimmten alle Parteien für die Schulstraße und den Wegfall der Parkplätze, erneut mit Ausnahme der AfD.
Die Kehrseite des konstruktiven Miteinanders
Gerade diese beiden Beispiele machen deutlich, wo der oft gelobte „Streit in der Sache“ an seine Grenzen stößt. Natürlich ist es positiv, wenn demokratische Parteien konstruktiv zusammenarbeiten und Kompromisse finden. Gleichzeitig kann ein nach außen hin fast durchgängiger Konsens ein politisches Vakuum erzeugen. Wer etwa Fahrradstraßen kritisch sieht, den Wegfall von Parkplätzen ablehnt oder einzelne Planungen für falsch hält, findet im demokratischen Spektrum in Fürth oft keine klar erkennbare Alternative.
Dieses Vakuum bleibt nicht leer. Es wird von Parteien gefüllt, die keine Lösungen anbieten, sondern pauschal dagegen sind. Genau hier setzt die AfD an. Sie ist rechtsextrem und eine Gefahr für die Demokratie, aber greift gezielt die Wähler ab, die sich von so einer Politik nicht mehr vertreten fühlen. Die Wahlergebnisse der letzten Jahre zeigen, dass diese Dynamik auch in Fürth wirkt.

Wer demokratische Mehrheiten sichern will, muss daher nicht weniger, sondern sichtbarer streiten: nachvollziehbar, offen, mit echten Alternativen und dagegen stimmen, auch wenn es unbequem ist.
Fazit: Viel Konsens, wenig Erkenntnisgewinn
Unterm Strich war die Podiumsdiskussion vor allem eines: harmonisch. In vielen Punkten herrschte breite Einigkeit, vieles sei schon entschieden und in Planung. Echte Unterscheidbarkeit war selten. Für eine sachliche Diskussion mag das angenehm sein, für einen Wahlkampf ist es eher unerquicklich.
Die Auftritte der Kandidaten passten dazu:
Max Ammon positionierte sich zwar ab und an, verlor sich aber immer wieder im Drumherum und kam nicht immer präzise auf den Punkt.
Thomas Jung agierte erkennbar routiniert: als Politikprofi, der Diskussionen souverän einhegt und alles wegmoderierte, was nicht zur SPD-Linie passt.
Kamran Salimi war solide, aber kaum gefordert. Die Themen und die meisten Fragen spielten ihm von vornherein in die Karten, das Publikum sowieso.
Für mich persönlich bleibt daher festzuhalten: wirklich neue Erkenntnisse habe ich und meine Begleitungen aus diesem Abend kaum mitgenommen. Das ist schade, denn gerade in einem Wahljahr hätte ich mir hier mehr Profilierung gewünscht.



