Hilferuf am Stadttheater Fürth: Warum das Schweigen der Stadtspitze nicht reicht
Zwischen Hilferuf, Modernisierung und alten Versäumnissen fehlt vor allem eines: eine klare politische Erklärung der Stadtspitze.
Als die ersten Berichte über den anonymen „Hilferuf“-Brief aus dem Stadttheater Fürth gab, habe ich sie ehrlicherweise hauptsächlich überflogen. Es klang nach einem sehr internen Konflikt: Mitarbeiter, die gegen den Führungsstil der Intendanz, über das Arbeitsklima und erheblichen persönlichen Belastungen klagten. Also eher nach einem Thema, bei dem man als Außenstehender schnell Gefahr läuft, mehr zu behaupten, als man wirklich wissen kann.
Dann kamen aber immer mehr Berichte dazu. Von den Fürther Nachrichten über BR24 bis hin zur Süddeutschen Zeitung wurde der Fall aufgegriffen. Gleichzeitig schrieb mir ein aufmerksamer Leser, dass das doch ein spannendes Thema für Felixible Meinung wäre. Also habe ich mich etwas genauer damit befasst.

Und je mehr ich gelesen habe, desto klarer wurde für mich, dass ich die einzelnen Vorwürfe gegen Intendantin Dr. Silvia Stolz weder abschließend bewerten kann noch will. Dafür bin ich einfach nicht nah genug dran und kenne sie, ihren Führungsstil und die internen Abläufe im Stadttheater zu wenig. Was mich aber sehr wohl interessiert, ist die politische und kommunikative Ebene. Ich meine, das sind eigentlich die Hauptthemen in diesem Blog/Newsletter. 😅
Denn während der Konflikt im Stadttheater für mich ziemlich verworren wirkt, ist das Verhalten der Stadtspitze umso deutlicher: viel Zurückhaltung, wenig Erklärung. Fast ein bisschen, wie nach dem langjährigen Motto der britischen Königsfamilie: Never complain, never explain.
25 von 47: Warum der Hilferuf nicht kleinzureden ist
Man muss bei dieser Thematik erstmal ein paar Dinge sauber trennen. Ein anonymer Brief ist erstmal kein Urteil. Auch schwere Vorwürfe sind noch keine bewiesenen Tatsachen. Gerade wenn es um Führungskultur, Arbeitsklima und psychische Belastungen geht, braucht es zunächst ein faires Verfahren und Aufarbeitung.
Aber: 25 von 47 Mitarbeiter, die den “Hilferuf” unterschrieben haben sollen, sind eben auch keine kleine Randgruppe, die man mal eben abtun kann. In dem Schreiben ist von Angst, Misstrauen, Herabwürdigung und psychischer Belastung die Rede. Gleichzeitig erkennen die Verfasser die künstlerischen Erfolge und die guten Besucherzahlen ausdrücklich an.

Genau das macht die Sache aber auch etwas komplizierter. Es ist offensichtlich nicht einfach die Geschichte einer erfolglosen Intendantin, gegen die sich die Belegschaft des Stadttheaters auflehnt. Im Gegenteil: Die Besucherzahlen sind gut und die Modernisierung in vollem Gange.
Nicht jede Kritik ist Widerstand gegen Veränderung
Alte Strukturen aufzubrechen, Verwaltungsvorgaben ernster zu nehmen und ein Haus organisatorisch zukunftsfähig aufzustellen, vor allem nachdem der alte Intendant 33 (!) Jahre im Amt war, ist sicherlich alles andere als einfach. Jeder der in einem Unternehmen schon mal eine Umstrukturierung mitgemacht hat weiß, dass das selten ohne Reibung abläuft. Modernisierung ist aber kein Freifahrtschein.
Man kann nicht jede Kritik am Führungsstil automatisch als Widerstand gegen Veränderung abtun. Das wäre zu einfach. Es gibt selbstverständlich Mitarbeiter, die mit Veränderung fremdeln. Es gibt aber genauso Veränderungsprozesse, die schlecht geführt werden. Beides kann gleichzeitig wahr sein.


Und genau deshalb wirkt das öffentliche Statement von Maurice Schönleben, immerhin Pfleger des Stadttheaters Fürth, auf mich etwas zu glatt. Okay, es gibt den kurzen Hinweis auf ein respektvolles Miteinander und auf den angestoßenen internen Prozess. Aber der Gesamteindruck ist schon sehr deutlich: Der Weg stimmt, die Intendantin steht dafür, Widerstand war absehbar, bitte weitergehen oder etwas zugespitzter: Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

Das wird dem Ernst der Lage aus meiner Sicht überhaupt nicht gerecht. Denn wenn mehr als die Hälfte der Belegschaft einen Hilferuf unterstützt, dann reicht es nicht, öffentlich vor allem die (notwendige) Modernisierung hervorzuheben. Dann muss man mindestens anerkennen, dass bei ebendieser anscheinend etwas massiv schiefgelaufen ist. Selbst wenn sich am Ende nicht alle Vorwürfe bestätigen sollten.
Wenn der sonst so ansprechbare OB beim Stadttheater schweigt
Immerhin kann man Hr. Schönleben anrechnen, dass er sich überhaupt geäußert hat. Ganz anders der, sonst so ansprechbare, Oberbürgermeister. Bei anderen Themen, etwa rund um die Vorwürfe gegenüber P&P und deren teils unbezahlten Rechnungen an Handwerker, hat er sich durchaus deutlich positioniert. Beim Stadttheater ist es ganz anders. Die Fürther Nachrichten haben dreimal um Stellungnahme gebeten und jedes Mal keine Antwort von Thomas Jung erhalten.
Natürlich muss er nicht jede Anschuldigung kommentieren. Er muss auch nicht öffentlich Partei für eine Seite ergreifen, wie er es aber auch schon mal an anderer Stelle getan hat. Aber er könnte erklären, wie die Stadt Verantwortung übernimmt. Er könnte zum Beispiel ganz moderierend sagen: “Wir nehmen das Schreiben ernst. Wir wissen, dass die Zahl der Mitarbeiter, die dieses unterschrieben haben ein deutliches Signal ist. Wir schützen alle Beteiligten und werden das unabhängig aufklären. In diesem Zusammenhang werden wir auch auf unsere eigene Rolle schauen.” Genau diese letzte Ebene fehlt mir bisher.
Hilferuf, Bühnentechnik, Brandschutz: Hat Fürth das Stadttheater ausreichend im Blick?
Was insbesondere in der Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung mindestens ebenso interessant ist wie der aktuelle Konflikt, ist der Blick auf die Jahre davor. Dort ist von offenbar jahrelangen Missständen bei Sicherheits-, Organisations- und Compliancefragen die Rede:
Tatsächlich herrschten an dem Haus offenbar über Jahre hinweg Missstände, die die Stadt Fürth auf Nachfragen der SZ in Teilen einräumt. […] Unzulänglichkeiten gab es indes auch bei anderen teils sensiblen Sicherheitsfragen […] Außerdem gab es offenkundig jahrelang große Mängel in der wirtschaftlichen Führung und der Organisation des Theaters […]
- Ritzer, U. & Weinhold Hernandez, M. (31.05.2026). Großes Drama am Stadttheater. Süddeutsche Zeitung, Fürth. https://www.sueddeutsche.de/bayern/stadttheater-fuerth-silvia-stolz-intendantin-vorwuerfe-li.3470788 [Paywall]
Und da sind wir an einem Punkt, den ich in Fürth leider immer wieder sehe: Dinge laufen jahrelang irgendwie so vor sich hin, bis sie irgendwann nicht mehr irgendwie laufen.
Beim Stadttheater hatte ich das Thema schon einmal aus einer anderen Perspektive aufgegriffen: die dringliche Anordnung zur Erneuerung der bühnentechnischen Anlagen. Damals ging es um Kosten von rund 3,4 Millionen Euro statt ursprünglich 1,2 Millionen Euro. Nur 210.000 Euro waren überhaupt dafür im Haushalt veranschlagt.
Schon damals (Oktober 2025) fand ich sehr auffällig, dass die Technik, die erneuert werden sollte, bereits 15 bis 20 Jahre alt war. Der Verschleiß konnte also wirklich niemanden überraschen. Trotzdem wurde aus einem absehbaren Problem plötzlich ein dringendes Problem. Und beim Stadttheater scheint jetzt zusätzlich zur technischen und organisatorischen Ebene auch noch eine kulturelle Ebene dazuzukommen. Deshalb geht es hier eben nicht um die Frage, ob Silvia Stolz eine gute oder schlechte Führungskraft ist. Es geht für mich eher darum, ob die Stadt Fürth ihre eigenen Einrichtungen gut genug im Blick hat.
Wo war die Stadt?
Außerdem kamen die Vorwürfe bzw. der Hilferuf anscheinend nicht völlig aus dem Nichts. Berichtet wurde, z.B. beim BR, von früheren Meldungen an den Personalrat und an Kulturreferent Benedikt Döhla, unter anderem im Juli und Dezember 2025. Auch ein Schlichtungsversuch soll bereits zuvor gescheitert sein.
Wenn das so stimmt, stellt sich zwangsläufig die Frage: Warum ließ man es von Seiten der Stadt überhaupt soweit kommen?
Das Stadttheater ist keine private Firma irgendwo im Stadtgebiet, wie z.B. P&P. Es ist eine städtische Einrichtung und damit trägt die Stadt Verantwortung für die Strukturen, die Rahmenbedingungen und die Art, wie Konflikte aufgearbeitet werden.
Die Stadt verweist bei Medienanfragen immer wieder auf Persönlichkeitsrechte, ein faires Verfahren und den extern begleiteten Klärungsprozess. Das ist formal richtig, denn niemand braucht öffentliche Vorverurteilungen. Aber zwischen “wir bewerten keine Einzelpersonen öffentlich“ und “wir erklären gar nichts“ gibt es allerlei Möglichkeiten für eine Stellungnahme.
Zurückhaltung ja, Aussitzen nein
Letztendlich weiß ich nicht, wer in diesem Konflikt am Ende in welchen Punkten recht haben wird oder wie das Ganze ausgeht. Wahrscheinlich ist die Wahrheit, wie so oft, komplizierter als beide Seiten es gerne hätten und liegt irgendwo dazwischen. Es kann sein, dass alte Strukturen im Stadttheater dringend aufgebrochen werden mussten. Es kann gleichzeitig sein, dass dieser Veränderungsprozess menschlich und kommunikativ schlecht gelaufen ist. Es kann sein, dass manche Vorwürfe überzogen sind. Es kann aber genauso sein, dass sich Beschäftigte über lange Zeit nicht ernst genommen fühlten.
Der “Hilferuf” richtet sich nicht nur gegen die Intendantin, sondern auch an die Stadtspitze, insbesondere den Kulturreferenten, aber auch den Oberbürgermeister. An alle, die für das Stadttheater von Seiten der Stadt Verantwortung tragen. Fürth kann sich nicht einerseits mit seinem Stadttheater schmücken und andererseits in der Krise so tun, als sei das alles vor allem eine interne Personalangelegenheit. Das Stadttheater ist eine städtische Einrichtung und damit ist es auch ein politisches Thema. Wenn Dr. Thomas Jung bei anderen Themen extrem ansprechbar sein will, dann sollte das auch gelten, wenn es im eigenen Haus brennt. Allein im Sinne der politischen Verantwortung.
Vielleicht funktioniert “Never complain, never explain“ für das britische Königshaus. Für die Fürther Stadtspitze sollte es eigentlich keine Strategie sein. Wobei man fairerweise sagen muss: Wenn ein Oberbürgermeister sich im 24. Amtsjahr befindet, ist die gedankliche Distanz zur Monarchie vielleicht nicht mehr ganz so groß. 😉 Nichtsdestotrotz wäre etwas mehr Erklärung und etwas weniger Aussitzen aus meiner Perspektive dringend angebracht…




"Wenn ein Oberbürgermeister sich im 24. Amtsjahr befindet, ist die gedankliche Distanz zur Monarchie vielleicht nicht mehr ganz so groß." Wow. Tolle und geistreichen Schlussfolgerungen und ein großer Respekt vor der journalistischen Wahrheit. Super sachlicher Beitrag, sehe gute Einordnungen zu den städtischen Akteur*innen. Dennoch ist die Reputation der Intendantin hoch. Sollen deshalb bedingungslose, unkritische Verneigungen vor "Amt und Würden" dominieren? Ich denke Nein! Wer hier am längeren, mächtigen Hebel sitzt ist gesetzt. Fr. Stolz lässt sich von einer prominenten Anwaltskanzlei vertreten.
Gute Führung zeichnet sich
1.durch einen kooperativen Stil aus und
2. ist niemand als Führungskraft geboren.
Die Kluft zwischen Vorgesetzten und Führungskraft wird meiner Wahrnehmen nach zunehmend größer. In der Industrie, aber auch im Kulturbetrieb. Aber auch die Befindlichkeiten der Mitarbeitenden nehmen zu. Vor allem, wenn Komfortzonen aufgebrochen werden. Beide Seiten müssen aufeinander zugehen, sonst wird da nix konstruktives mehr draus. Eine professionelle Mediation kann nochmal helfen, denn der Druck ist jetzt massiv.
Dass es soweit gekommen ist, darf sich der Kulturreferent gerne auf die Fahne schreiben. Er trägt hier die m. E. Verantwortung in einem gut dotierten Amt, wo Nichtstun und aussitzen in einer solchen Situation untragbar ist! Auch hier sollten die Komfortzonen bei städtischen Verantwortlichen aufgebrochen werden, oder nicht, HR. Oberbürgermeister?
Auch ich kann - aus der Distanz - nicht bewerten, was da am Theater "vor sich geht". Was mich allerdings heftig den Kopf schütteln lässt, ist die Aussage des OB: "Wir bewerten keine Einzelpersonen öffentlich." Aus meiner Erinnerung könnte ich mindestens drei Beispiele bzw. "Fälle" nennen, in denen OB, Stadträte oder Referenten Menschen öffentlich in einer Art und Weise "titulierten", die teils sogar ehrverletzend war. Es halte es für unmöglich, dass sich OB Jung nicht an diese Fälle erinnert... (Ich werde die Betroffenen hier aber auch nicht namentlich nennen.) Wer die "Geschichte(n)" in Fürth in den letzten Jahren eifrig mitverfolgt hat, weiß, wovon ich schreibe.
"Die Nähe zur Monarchie" wurde in der Amtsführung des Herrn Jung übrigens in der letzten Zeit immer deutlicher... gedanklich war sie m. E. schon beim ersten Amtsantritt vorhanden.