Wenn aus einer Übergangslösung ein Schulstandort wird
Warum die Standortwahl für Fürths viertes Gymnasium eher aus der Not entstanden wirkt als aus einer überzeugenden Gesamtplanung.
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Hier bin ich jedenfalls wieder, zugegeben nach einer etwas längeren Pause nach der Kommunalwahl inkl. Osterruhe 😅 Seit meinem letzten Post ist knapp ein Monat vergangen. Eigentlich war genau das mein ursprünglich geplanter Turnus, aber aufgrund der Kommunalwahl gab es eigentlich fast wöchentlich Themen. Es ist aber nicht so, als hätte es in der Pause keine Themen geben:
SPD Wahlniederlagen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz
Trump dreht komplett frei mit Konfrontation mit dem Papst und damit, dass die USA nun die Straße von Hormus blockieren.
Die Rückkehr des Tankrabatts, der Gießkanne und dem Gedanken Probleme bzw. Krisen einfach mit Geld lösen zu wollen.
Der Wahlsieg von Péter Magyar in Ungarn, der zeigt, dass Rechtspopulismus definitiv schlagbar ist
uvm.
Zum ersten Thema habe ich sogar schon einen halbfertigen Beitrag geschrieben, bin aber irgendwie an meinem eigenen Anspruch gescheitert. Hat mir nicht gut genug gefallen, war nichts großartig neues dabei und für mich persönlich fast zu kurz. Aber vielleicht sollte mir das einfach egal sein und ich sollte auch solche Beiträge schlicht veröffentlichen, warum sonst schreibe ich diese Beiträge? Naja, genug persönliches Vorgeplänkel 😄
Zum Thema heute hatte ich auch schon einen Entwurf mit immerhin 900 Wörtern geschrieben, diesen aber ebenso nie zu Ende gebracht. Jetzt gab es aber im Bau- und Werkausschuss vom 15.04.2026 eine Vorlage, die mir das Thema wieder ins Gedächtnis gerufen hat.
Gymnasiale Schullandschaft in Fürth
Genauer gesagt geht es um die Vorlage GWF/0586/2026, in der es um die terminliche Situation beim Neubau des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums geht. Dort steht:
Trotz einzelner Verzögerungen in der Baugrube und zum Start des Rohbaus liegen wir terminlich im Zielkorridor. […] Die geplante Nutzungsaufnahme zum Schuljahr 2029/2030 ist aus heutiger Sicht nicht gefährdet.
Besonders der letzte Satz wird bei den politisch Verantwortlichen für aufatmen gesorgt haben. Denn an diesem Bauprojekt, dem Neubau des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums, hängt mehr als man denkt. Mit dessen Fertigstellung beginnt das nächste große Projekt, nämlich die Sanierung des alten Heinrich-Schliemann-Gymnasiums. In die dortigen Räumlichkeiten zieht das “Neuen Gymnasium Fürth”, so der aktuelle Name des neuen vierten Gymnasiums, dass Fürth bald bekommen wird.
Hier wird es schon zum ersten Mal interessant. Als passenden Standort für das vierte Gymnasium wurden nämlich 2022 am Anfang eigentlich folgende Orte angedacht und auf ihre Tauglichkeit untersucht:
Standort Faurecia (Herboldshofer Straße 35)
Standort Finkenschlag
Standort TV Fürth 1860
In einer Standortuntersuchung (siehe Anlage 1 in der Vorlage SEP/0034/2022/1) setzte sich der Standort Faurecia in der Herboldshofer Straße mit 22 von 27 möglichen Punkten durch. Dem aufmerksamen Leser ist es nicht entgangen, dass ich oben geschrieben habe, dass das vierte Gymnasium nicht am Standort Faurecia gebaut wird, sondern in das alte Gebäude des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums kommt. Das hat mehrere Gründe, aber einer der Hauptgründe wird öffentlich nicht genannt.
Die unbequeme Wahrheit hinter der Standortentscheidung
Bürgermeister Markus Braun, gleichzeitig Referent für Schule, Bildung, Sport und Gesundheit, sagte den Fürther Nachrichten am 25.10.2023, dass sich alle drei Standorte (im Nachhinein wohlgemerkt!) “aus verschiedenen Gründen als nicht optimal erwiesen” haben. Als Beispiel für das Faurecia-Gelände wird von anderer Stelle aufgeführt, dass es an Infrastruktur fehle, sprich: Kein Bäcker, kein Dönerladen, keine direkte Nahversorgung. Doch dieses Argument wirkt vorgeschoben. Denn wo ein Gymnasium entsteht, siedeln sich erfahrungsgemäß auch Geschäfte an. Wer würde nicht sofort die Chance ergreifen, der erste Bäcker in direkter Nachbarschaft einer neuen Schule zu sein?

Hinter den Kulissen hört man ohnehin auch andere Begründungen. Das Faurecia-Areal soll lieber für Gewerbe freigehalten werden, denn Gewerbeflächen sind in Fürth ein knappes Gut, das der Stadt dringend benötigte Steuereinnahmen verspricht. Bildung gegen Gewerbesteuer: eine Abwägung, die man öffentlich lieber nicht so klar ausspricht.
Ein weiterer Grund dürfte im geplanten Aufwuchs des neuen Gymnasiums liegen. Aufwuchs heißt konkret: Eine neue Schule startet normalerweise nicht sofort in voller Größe, sondern wächst Jahr für Jahr. Erst kommen zum Beispiel die fünften Klassen dazu, dann die sechsten und so weiter. Dafür war von der Verwaltung in Fürth eine Übergangslösung geplant, solange der eigentliche Standort noch nicht bereit ist.
Das neue Gymnasium sollte zunächst im alten Gebäude des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums anlaufen. Währenddessen sollte der endgültige Standort festgelegt beziehungsweise dort ein neues Schulgebäude geschaffen werden. Nur passt dazu eine entscheidende Vorgabe nicht: Für den Antrag auf ein neues Gymnasium muss anscheinend bereits ein fester Endstandort benannt werden. Und da stellt sich mir schon die Frage, warum das die Stadt nicht von Anfang an in ihre Planung einbezogen hat. Denn wenn diese Anforderung bekannt war, dann hätte sie bereits bei der Standortsuche und Bewertung eine zentrale Rolle spielen müssen.
Naja, wie dem auch sei. Jedenfalls wurde aus diesem Grund die Übergangs- zu einer Dauerlösung. Und jetzt wird es höchstinteressant. Ich zitiere nochmal aus dem Artikel der Fürther Nachrichten:
“Getroffen wurde die Entscheidung (für den Standort, Anm. FK ) letztendlich auch wegen eines positiven Verkehrsgutachtens, das die Stadt in Auftrag gegeben hatte.”
- Kuhn, Gwendolyn (25. Oktober 2023). Viertes Gymnasium in Fürth: Wo es stehen soll und warum eine weitere Schule profitieren könnte. nn.de, Fürth. https://www.nn.de/fuerth/viertes-gymnasium-in-furth-wo-es-stehen-soll-und-warum-eine-weitere-schule-profitieren-konnte-1.13723130
Ein Verkehrsgutachten als letzte Legitimation
Dieses Verkehrsgutachten, erstellt von der INOVAPLAN GmbH, entkräftete (vermeintlich) Befürchtungen einer möglichen Überlastung der Verkehrsinfrastruktur durch zwei Gymnasien in Rathausnähe. Vermeintlich, denn es ist in einem zentralen Punkt fehlerhaft. Es geht nämlich davon aus, dass sowohl die Henri-Dunant-Straße als auch die Königstraße dauerhaft zweispurig sind. Diese Annahme ist zum aktuellen Zeitpunkt korrekt, aber wegen der bereits beschlossene Neuplanung und Umgestaltung beider Straßen (siehe Vorlagen SpA/1009/2022 und TfA/0534/2025) schlicht und ergreifend falsch.
Künftig werden die Straßen überwiegend einspurig geführt, wodurch die im Gutachten zugrunde gelegten Kapazitäten nicht mehr realistisch sind. Damit basiert die Einschätzung zur Belastbarkeit der Verkehrsinfrastruktur auf falschen Voraussetzungen. Dass das Verkehrsgutachten unter anderem deswegen obsolet ist, hat man auch in der Verwaltung und im Stadtrat gemerkt. Es wurde aus der Vorlage zur Antragsstellung zum vierten Gymnasium entfernt und mit dem Nachsatz “wird nachgereicht” hinterlegt. Jetzt die große Frage:
Wurde es schon nachgereicht? - Nein.
Spoiler: Wird es auch nicht mehr.
Der beste Standort?
Ich habe am 8. August 2025 einen Antrag nach der Informationsfreiheitssatzung der Stadt Fürth via FragDenStaat.de gestellt (siehe Anfrage #342347 - Aktualisierte Verkehrsuntersuchung für zwei Schulstandorte in Rathausnähe). Darin habe ich nach der aktualisierten Version der Verkehrsuntersuchung, sowie den aktuellen Stand dazu, gefragt. Nach langem Hin und Her kam heraus, dass es keine Neuauflage der Verkehrsuntersuchung geben wird. Im Endeffekt, weil am 02. August 2024 der Antrag auf die Gründung eines weiteren Gymnasiums in Fürth vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultur offiziell bewilligt und deshalb die Entscheidung für den Standort des vierten Gymnasiums im aktuellen HSG bereits gefallen ist.
Exkurs: Raumnot mit Ansage
Lustigerweise wurde der Neubau des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums angedacht, weil die aktuellen Räumlichkeiten zu klein geworden sind. Beim fiktiven Raumbedarf für das vierte Gymnasium in denselben Räumen wird aber schon angemerkt:
Entsprechend der Beschlusslage des Stadtrates vom Dezember 2023 ist das fiktive Raumprogramm in dem Altstandort des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums mit seinen freiwerdenden und generalsanierten Räumen, zuzüglich der Räume im generalsanierten Eichamt umzusetzen.
Aufgrund der Größe des Raumprogramms wird empfohlen, vorsorglich auch Räume im näheren Umfeld in die Betrachtung mit einzubeziehen.
- siehe Vorlage SEP/0059/2025
Heißt also, dass die Räumlichkeiten des aktuellen Heinrich-Schliemann-Gymnasiums für das vierte Gymnasium auch nicht ausreichen…

Also kann man folgendes festhalten:
Wird die Verkehrsinfrastruktur rund ums Rathaus überlastet?
→ Unklar.
Wie hoch werden die Sanierungskosten des Gebäudes?
→ Unklar.
Wo findet der Schulsport statt?
→ Unklar.
Was kostet die Generalsanierung des Eichamts, dessen Räume man benötigt?
→ Unklar.
Wird man Räume im näheren Umfeld benötigen und was kosten diese?
→ Unklar.
Kann sich jetzt jeder selbst eine Meinung bilden, ob das wirklich der bestmögliche Standort ist. 🤷🏼♂️
Der Preis der Übergangslösung
Kommen wir aber nochmal zurück zum Anfang, warum die Nachricht, dass der Neubau des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums aktuell im Zeitkorridor liegt, politisch so wichtig ist. Denn an diesem Zeitplan hängt eben nicht nur irgendein Schulgebäude, sondern eine ganze Kette an Folgeentscheidungen. Verzögert sich der Neubau, verzögert sich auch der Start der Sanierung des alten HSG und damit der endgültige Umzug des neuen vierten Gymnasiums. Dessen Vorläuferklassen sitzen derzeit interimsweise in Räumen im Flair, inkl. Pausenhof in einer öffentlichen Fußgängerzone (!).
Das ist für eine Übergangszeit schon alles andere als optimal, aber auf jeden Fall keine Dauerlösung für eine Schule. Hinzu kommt: Für diese Zwischenlösung zahlt die Stadt mutmaßlich eine ordentliche Miete an die P&P Gruppe (lt. Fürther Nachrichten Quadratmeterpreis von 12,80 Euro in 2021). Wie hoch diese genau ausfällt und wie diese sich entwickelt, bleibt allerdings geheim. Auch das find ich bezeichnend. Wenn eine politische Entscheidung so weitreichende finanzielle Folgen hat, dann sollte man wenigstens offenlegen, was diese Übergangsphase die Stadt und damit am Ende die Steuerzahler kostet. Transparenz sieht jedenfalls anders aus. Darüber hinaus kann man sich mal überlegen, welche “Räume im näheren Umfeld” in Betracht kommen werden. Mein Take: Für das vierte Gymnasium wird die Stadt Fürth die aktuellen Räume von P&P weiter anmieten (müssen). Hier habt ihr es zuerst gelesen 😉
Warum das alles nicht nur ein Schul-Thema ist
Interessant und politisch relevant ist für mich sowieso etwas anderes und das ist der eigentliche Hintergrund meines Beitrags: Die ganze Sache zeigt exemplarisch, wie im “Kleinen”, also im Stadtrat und in der Verwaltung, Entscheidungen mit enormer Tragweite getroffen werden. Entscheidungen, die auf Jahre hinaus Folgen für Verkehr, Finanzen, Stadtentwicklung und die schulische Infrastruktur haben. Und genau deshalb lohnt es sich hinzuschauen. Zukunftsorientierte Bildungspolitik sieht für mich nämlich anders aus: mit belastbaren Gutachten, mit Transparenz bei den Kosten und mit einem Standort, der nicht aus der Not heraus zur Dauerlösung wird.
Genau dazu will ich mit solchen Beobachtungen und Beiträgen meinen kleinen Teil leisten: Dinge sichtbar machen, die sonst fast niemand mitbekommt. Mal ehrlich, wer von euch hätte gewusst, wie diese Standortentscheidung zustande kam und welche Kette an Folgen daran hängt? Aber genau darum geht’s: Auch die Entscheidungen im Kleinen sind politisch relevant. Vielleicht manchmal sogar relevanter als die im Bundestag…






Gut beobachtet und beschrieben! Es müsste viel mehr und viel öfter etwas von dem ans Tageslicht kommen, was da "unter der Hand organisiert" wird. Bei der Planung des HSG-Neubaus spielte z.B. meines Erachtens auch eine (nicht kleine) Rolle sowohl das geplante Hotel in der Wolfsgrubermühle als auch eine "Weiterentwicklung" in der Altstadt (in der der aktuelle Besitzer der Mühle bereits einige Häuser besitzt). Wie hierzu das "Gesamtkonzept" der Stadt Fürth aussieht, das sicherlich schon existiert, wäre interessant.