Best of Fürth statt 100-Tage-Bilanz?
Was Thomas Jung als Erfolge seiner ersten 100 Tage präsentiert und warum sich bei manchen Punkten ein genauerer Blick lohnt.
Wenn man die konstituierende Sitzung des Fürther Stadtrats am 06.05.2026 als Startpunkt nimmt, dann sind die ersten 100 Tage dieses neuen Stadtrats am 14. August 2026 vorbei. Das Bürgermeister- und Presseamt bzw. Fürths Oberbürgermeister Thomas Jung rechnet da anscheinend etwas anders als ich, denn am 7. August 2026 wurde eine Pressemitteilung zur 100-Tage-Bilanz seiner fünften Amtszeit verschickt.
Sei’s drum. Die sieben Tage hin oder her ist letztendlich auch egal. Denn auf den ersten Blick liest sich diese Bilanz ziemlich gut:
Felsenkeller saniert, Hotels wieder geöffnet, neue Radwege, mehr Siemens-Beschäftigte, gute Arbeitsmarktzahlen, laufende Schulneubauten, ein stärkerer Einzelhandel, Musikschule gesichert, neues Hallenbad, Stadttheater saniert und, wie könnte es anders sein, stabile Finanzen. 😅
Das meiste davon sind tatsächlich gute Nachrichten für Fürth. Wer meinen Blog bzw. Newsletter aber verfolgt, könnte meinen, dass ich immer das Haar in der Suppe suche und zwanghaft nach etwas Negativem suche, nur weil Pressemitteilungen aus dem Rathaus fast durchweg positiv formuliert sind. Ganz von der Hand weisen kann ich diesen Vorwurf wahrscheinlich wirklich nicht. 😁 Ich bin oft kritisch, aber auch deshalb, weil mir genau diese kritische Perspektive häufig zu kurz kommt oder nicht sichtbar ist. Dabei versuche ich trotzdem, fair zu bleiben, positive Entwicklungen auch als solche anzuerkennen und vor allem einen Blick hinter Überschriften, Erfolgsmeldungen und Pressemitteilungen zu werfen.
Und deshalb stelle ich mir bei dieser Pressemitteilung bzw. Bilanz die Frage:
Was davon ist eigentlich wirklich ein Erfolg dieser ersten 100 Tage?
Thomas Jungs 100-Tage-Bilanz: Eher “Best of Fürth“
Eine klassische 100-Tage-Bilanz soll eigentlich zeigen, was eine neue Regierung oder Amtszeit in ihren ersten Wochen angestoßen, verändert oder politisch auf den Weg gebracht hat. Genau das sehe ich bei dieser Bilanz allerdings kaum. Denn aufgelistet wird hauptsächlich, was in diesen 100 Tagen fertig geworden ist, weitergelaufen ist oder ganz allgemein positiv in Fürth passiert ist.
So haben beispielsweise das Hotel Pyramide und das NH-Hotel wieder geöffnet, Schuh Mücke zieht ins Flair und Siemens beschäftigt am Fürther Standort rund 400 Menschen mehr, nachdem der Nürnberger Standort Mohrenbrunn aufgelöst wurde. Alles positiv, aber nur sehr bedingt politische Erfolge einer neuen Amtszeit. Ähnlich sieht es mit dem Helene-Lange- und Heinrich-Schliemann-Gymnasium oder dem Klinikum aus: Die Projekte laufen planmäßig weiter, wurden aber selbstverständlich lange vor der aktuellen Amtszeit geplant und beschlossen.
Fairerweise ist das bei Thomas Jung aber auch ein bisschen unvermeidbar. Er ist schließlich nicht neu im Amt, sondern seit ich denken kann Oberbürgermeister. 😄 Viele Projekte, die jetzt fertiggestellt werden oder weiterlaufen, hat er in früheren Amtszeiten tatsächlich mit angestoßen. Insofern kann er sich deren Entwicklung durchaus teilweise zurechnen. Trotzdem ist das dann weniger eine Bilanz der ersten 100 Tage der fünften Amtszeit, sondern eher ein “Best of Fürth - Sommer 2026“.
Bei den Bädern wird es etwas absurd
Besonders bemerkenswert finde ich folgenden Satz:
Andere Kommunen müssen ihre Bäder schließen, die Kleeblattstadt baut ein neues Hallenbad.
Das klingt natürlich hervorragend. Nur baut Fürth aktuell noch überhaupt kein neues Hallenbad. Es wird geplant. Bereits in meiner Analyse des SPD-Wahlprogramms für die Kommunalwahl 2026 in Fürth hatte ich darauf hingewiesen, dass es keine gesicherte Finanzierung gibt und der Stadtrat sich ausdrücklich vorbehalten hat, den Neubau am Scherbsgraben aus finanziellen Gründen zurückzustellen oder gar nicht umzusetzen.
Zwischen “wir planen ein Hallenbad“ und “wir bauen ein Hallenbad“ liegt bei einem Projekt dieser Größenordnung dann doch ein kleiner, aber feiner Unterschied.
Noch viel schräger wird der Vergleich aber dadurch, dass Fürth selbst innerhalb genau dieser ersten 100 Tage ein Bad geschlossen hat. Am 10. Juni wurde die vorläufige Betriebseinstellung des Jugendbads Burgfarrnbach beschlossen, weil dessen baulicher und technischer Zustand einen Weiterbetrieb nicht mehr sinnvoll zulässt.
Das ist schon erstaunlich und grenzt an Schönmalerei, in einer Bilanz mit den Badschließungen anderer Kommunen zu argumentieren und die eigene Schließung gleichzeitig komplett unerwähnt zu lassen…
Stadttheater: Investition oder Rechnung für die Vergangenheit?
Ähnlich funktioniert der Vergleich beim Stadttheater. Laut Pressemitteilung müssen andere Städte Theater schließen, während Fürth seines saniert und dafür mehr als vier Millionen Euro ausgibt. Auch hier muss man vorneweg erstmal sagen, dass das prinzipiell tatsächlich eine gute Sache ist. Das Stadttheater gehört zu Fürth, die Besucherzahlen entwickeln sich gut und selbstverständlich muss investiert werden, damit es technisch und baulich funktioniert.
Nur ist auch diese Geschichte etwas komplizierter. Bereits 2025 musste die Erneuerung großer Teile der Bühnentechnik per dringlicher Anordnung genehmigt werden. Damals ging es um rund 3,4 Millionen Euro! Die Technik war teilweise 15 bis 20 Jahre alt und stark verschlissen. Genau darüber hatte ich damals schon geschrieben: Wenn notwendige Erneuerungen über Jahre aufgeschoben werden, bis Ersatzteile fehlen und plötzlich mehrere Millionen Euro auf einmal benötigt werden, ist die Sanierung zwar richtig, aber sie ist aber gleichzeitig die Rechnung für frühere Unterinvestitionen.
Und das ist in Fürth leider kein Einzelfall. Stadthalle, Zirndorfer Brücke, Jugendbad oder Teile des Stadttheaters zeigen ziemlich deutlich, dass der Sanierungsstau real ist. Deshalb finde ich es irgendwie komisch, jede größere Sanierung ausschließlich als politischen Erfolg zu verbuchen. Oft zeigen diese eben auch, was vorher viel zu lange liegen geblieben ist.
Und natürlich: stabile Finanzen
Am Ende darf das Lieblingsthema des Oberbürgermeisters, und auch bisschen mein eigenes, natürlich nicht fehlen: Nein, nicht die INFÜ, sondern die Finanzen. 😉
Die Stadt verweist auf einen genehmigten Haushalt ohne Auflagen, 162 Millionen Euro Rücklagen, fünf Millionen Euro Überschuss in der Jahresrechnung 2025 und einen voraussichtlich genehmigungsfähigen Haushalt 2027. Im direkten Vergleich mit Nürnberg und Erlangen steht Fürth aktuell tatsächlich deutlich besser da.
Nur habe ich erst am 30. Juli in meiner Analyse der Fürther Finanzen 2026 darüber geschrieben, warum auch diese Zahlen nicht die komplette Geschichte erzählen:
Ein sehr großer Teil der Rücklagen ist bereits für kommende Ausgaben vorgesehen, der Haushalt 2026 startet durch übertragene Budgetfehlbeträge mit einem deutlichen Minus (12,65 Mio. €) und gleichzeitig stehen enorme Investitionen an. Dazu kommt der bereits angesprochene Sanierungsstau. Deshalb bleibt meine Einschätzung dieselbe: Fürth ist derzeit finanziell stabiler als viele andere Kommunen, aber definitiv kein sorgenfreier Musterschüler.
Eine Bilanz mit ziemlich großzügigem Maßstab
Unterm Strich ist an der Pressemitteilung wenig grundsätzlich falsch. Viele Entwicklungen sind positiv und einige davon kann sich Thomas Jung durchaus zurechnen. Nach mehr als 24 Jahren im Amt wäre es schließlich auch merkwürdig, so zu tun, als hätte er mit laufenden Projekten aus vorherigen Amtszeiten nichts am Hut.
Trotzdem ist der Begriff “100-Tage-Bilanz“ ziemlich großzügig gewählt. Denn gezählt wird praktisch alles, was in diesen 100 Tagen positiv passiert ist: abgeschlossene Projekte aus der vergangenen Amtszeit, laufende Großbaustellen, private Investitionen, Unternehmensentscheidungen und allgemeine wirtschaftliche Entwicklungen. Gleichzeitig bleiben weniger angenehme Entwicklungen wie die Schließung des Jugendbads oder der Hintergrund des Sanierungsstaus außen vor.
Vielleicht passt das aber ganz gut in die allgemeine politischen Erzählung, die Thomas Jung und die SPD schon im Kommunalwahlkampf verwendet haben: Fürth ist stabil, Fürth entwickelt sich positiv und wir machen weiter wie bisher. Damit waren sie bei der Wahl äußerst erfolgreich und vieles daran ist auch objektiv richtig.
Nur gilt für mich: Eine gute Bilanz sollte nicht nur zeigen, was gerade gut aussieht, sondern auch, wo Probleme liegen und was man dagegen tun will. Genau an dieser Stelle wird es in der Pressemitteilung leider ziemlich dünn.







